Geschichte der tschechoslowakischen Kunststoffindustrie in Zeitzeugeninterviews (III./VII.)

Geschichte der tschechoslowakischen Kunststoffindustrie in Zeitzeugeninterviews (III./VII.)
Im Rahmen der Interviewreihe mit Zeitzeugen der tschechoslowakischen Kunststoffindustrie nahm auch Zdeněk Řehulka die Einladung an, der sein gesamtes Berufsleben mit Werkzeugen gearbeitet hat. Er veröffentlichte Fachbeiträge und hielt Vorträge zu diesem Thema, arbeitete über 30 Jahre mit dem Verband Uniplast zusammen und ist Autor der Publikation „Konstruktion von Kunststoffformteilen und Werkzeugen für die Kunststoffverarbeitung, Polymere.“ In Kürze präsentieren wir Ihnen vier weitere Interviews, die die Geschichte dieser faszinierenden Branche beleuchten.

Wie sind Sie zur Kunststoffbranche gekommen? 

Ich absolvierte in Olomouc die Höhere Technische Fachschule für Maschinenbau und kam 1957 durch eine staatliche Arbeitszuweisung nach Vrbno pod Pradědem zu Lisovny umělých hmot, wo ich in der Konstruktionsabteilung anfing. Als ich ein halbes Jahr in der Konstruktion tätig war, musste ich meinen Wehrdienst antreten. Ich wollte eigentlich nicht mehr nach Vrbno zurückkehren, aber damals wurde man nirgendwo eingestellt, wenn man keinen Stempel im Personalausweis hatte und einfach nur Arbeit suchte. Also musste ich in Vrbno weitermachen. Letztendlich war das gut so: Hier wurden Werkzeuge konstruiert, die technische Entwicklung war stark, die Mitarbeiter erhielten Werkswohnungen, und die Rahmenbedingungen waren ausgezeichnet. Die Konstruktion machte mir Spaß. Nach 15 Jahren leitete ich die Konstruktionsabteilung des Werks Vrbno, nach weiteren 2 Jahren wurde ich Leiter der Konstruktion der gesamten Gruppe. Mir unterstanden 35 Konstrukteure – in den Presswerken in Vrbno, Lutín, Olomouc, Kudlovice, Chuchelná und Bruntál. 

ARBURG spol. s.r.o.  
Zdeňek Řehulka  

 

Was wurde in Vrbno pod Pradědem hergestellt? 

Das Unternehmen in Vrbno stellte jährlich 600 Werkzeuge her, hier wurden Konsumgüter gepresst (bis zu 10 000 verschiedene Formteile pro Jahr), aber wir hatten auch spezielle Programme für das Militär – wir fertigten Panzerabwehrraketen und Handgranaten, also ein umfangreiches Programm für Militärtechnik. Als Chefkonstrukteur war ich dafür verantwortlich, deshalb musste ich sicherheitsüberprüft werden, obwohl ich nie in der Partei war. Alle 2 Jahre gab es eine sogenannte umfassende Beurteilung, bei der wir bewertet wurden und Aufgaben für den nächsten Zeitraum erhielten. Der für mich zuständige Referent war der Parteivorsitzende, und gleichzeitig beurteilte ich ihn, denn er war einer meiner Konstrukteure. Deshalb ließen sie mich weitgehend in Ruhe.😊 

Wir hatten acht Betriebe und waren damit die Größten in der Republik. Die Gruppe der Presswerke Vrbno hatte 1990 3500 Mitarbeiter und zerfiel nach der Revolution in verschiedene Werke, die privatisiert wurden. Bis auf Lutín haben sich alle bis heute gehalten.

Warum blieb das Werk in Lutín nicht ebenfalls erhalten? 

Lutín hatte einen großen Werkzeugbau, aber bei Prostějov entstand ein weiterer, der Mitarbeiter aus Lutín abwarb. Die Jüngeren gingen nach Prostějov, die Älteren in Rente, sodass das Werk schließlich bei einer Auktion verkauft wurde.

Während Ihrer Laufbahn waren Sie auch Mitglied von Uniplast. Wie kam es dazu? 

Ich besuchte regelmäßig das Forschungsinstitut in Brno und arbeitete mit Zbrojovka Brno zusammen, wo man damals eine Lizenz für einen Fernschreiber von Siemens aus München gekauft hatte. (Ein Fernschreiber ist ein Gerät zur Textübertragung über eine elektrische Leitung, also eine Art Vorläufer von E-Mail oder SMS, Anm. d. Red.). In dem Fernschreiber waren zahlreiche Kunststoffteile verbaut. Das Werk in Vrbno konstruierte Werkzeuge für die kleineren Kunststoffteile. Die Teile selbst wurden dann im Presswerk in Chuchelná gefertigt. Und bei Zbrojovka traf ich Laďa Bobčík, der mich zur Zusammenarbeit mit Uniplast einlud. So begann ich, Vorträge zu halten, und gemeinsam mit ihm und weiteren Vorstandsmitgliedern übernahmen wir verschiedene fachliche Betreuungsaufgaben und organisierten Seminare und Konferenzen. Die Zusammenarbeit dauerte ab 1973 mehr als 30 Jahre. 

Sie reisten beruflich auch ins Ausland, in den „Westen“. Hatten Sie keine Probleme mit der damaligen Staatsmacht? 

Als die Werkzeuge für Zbrojovka in Auftrag gegeben wurden, durfte ich nach München fahren, aber zu ihrer Abnahme ließ man mich nicht mehr reisen, damit ich nicht dort blieb. Damals galt die Regel, dass man „nicht zweimal in dasselbe westliche Land reisen darf“. Die Werkzeuge nahm schließlich jemand ab, der sie nicht kannte, und ich musste ihm alles erklären. Aus Unkenntnis wurden die Werkzeuge schließlich falsch befestigt, sodass sie beim Transport aus München irgendwo in einer scharfen Kurve die Bordwand durchschlugen und in einen Teich fielen. Da man den Teich nicht ablassen konnte, wurden sie von Feuerwehrleuten und Tauchern geborgen – wir hatten Angst, dass die schweren Werkzeuge mit ihrer hochglanzpolierten Oberfläche beschädigt werden könnten.

 ARBURG spol. s.r.o.  
1994 Hotel Jagerhof Österreich - Dienstreise nach Mailand (Gabriel, Bobčík, Foral, Mačenka, Řehulka)   

 

Wenn ich zu Messen „in den Westen“ fuhr, wurde ich vom Bezirkskomitee vorgeladen, und dort fragte man mich  zum Beispiel: „Sie waren also in München? Waren Sie auch in Havels Keller?“ Ich antwortete einfach, dass ich in irgendeinem Keller gewesen sei, weil man mich eingeladen hatte. Dass ich dort ein paar Bier getrunken hätte, aber von einem Keller bei Havel nichts wüsste. Sie fragten mich aus, was ich mitgebracht hätte, mit wem ich mich getroffen hätte und solche Dinge ... Ich sagte, dass wir bei Siemens gewesen seien und danach zum Werkzeugbau in Partenheim gefahren wären. Sie ließen mich in Ruhe, vielleicht wirkte ich naiv oder dumm.

Was umfasste die Tätigkeit von Uniplast?

Die Konferenzen waren thematisch in Technologien, Polymere und Werkzeuge gegliedert. Uniplast veranstaltete außerdem jährlich 5–6 gut besuchte Seminare. Die Referenten kamen gerne, um neue Kontakte zu knüpfen, und die Teilnehmer  tauschten Erfahrungen aus. Nach den Seminaren veröffentlichten wir jeweils einen Tagungsband, weitere entstanden aus den Fachvorträgen der Konferenzen, die im Rahmen der MSV Brno stattfanden. Aber Uniplast Brno, das waren nicht nur Konferenzen. Was die Konferenzen einbrachten, wurde für Reisen zu Messen oder Kunststoffbetrieben im In- und Ausland ausgegeben. So besuchten wir beispielsweise im Rahmen einer Fachreise zur K Düsseldorf 1979 Unternehmen wie General Electric Plastic, Bayer und Hoechst. Wir fuhren zu Messen und auf Fachreisen nach Russland, Taschkent, in die Bundesrepublik Deutschland, nach Holland, Mailand und an weitere Orte. Wir besuchten verschiedene Länder und lernten so die Kunststoffbranche jenseits unserer Grenzen kennen.

Wie war Uniplast organisiert? 

Den Kern bildete der Vorstand, dessen Mitglieder sich regelmäßig ihren Aufgaben widmeten. Zdislav Heger organisierte die Reisen sehr gut, Vladislav Bobčík sprach die Referenten an. Dank der Fachleute aus ausländischen Unternehmen erhielten wir Informationen, die sonst völlig unzugänglich gewesen wären. Und meine Vorträge befassten sich hauptsächlich mit der Konstruktion von Kunststoffteilen und Werkzeugen. Mit diesen Vorträgen besuchte ich dann auch außerhalb von Uniplast verschiedene Werke.   

Ende des dritten Teils des Interviews.

 

Den ersten Teil des Interviews mit Jaroslav Novák und Dozent Miloslav Maňas finden Sie hier.

Den zweiten Teil des Interviews mit Jaroslav Novák und Dozent Miloslav Maňas finden Sie hier.

Den vierten Teil des Interviews über das Unternehmen ARBURG finden Sie hier.

Den fünften Teil des Interviews mit Jiří Gabriel finden Sie hier.

Den sechsten Teil des Interviews mit Ondřej Kebrl finden Sie hier. 

Den letzten, siebten Teil des Interviews mit Lubomír Zeman finden Sie hier.

Autor: Daniel Orel, Vorstandsmitglied von Uniplast und Geschäftsführer der Tochtergesellschaften von ARBURG in der Tschechischen Republik, der Slowakei und Rumänien
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