Die Geschichte der tschechoslowakischen Kunststoffindustrie in Zeitzeugeninterviews (II./VII.)
Spritzgießbetriebe in der ČSSR
Jaroslav Novák (JN): Die Tschechische Republik hatte drei große Unternehmensgruppen der Kunststoffindustrie. In Böhmen war es die Gruppe Plastymat mit dem Stammwerk in Liberec und Spritzgießbetrieben bis nach Horšovský Týn. In Mähren war es Lisovna nových hmot Vrbno mit acht bis neun Spritzgießbetrieben. Dort war Zdeněk Řehulka als Chefkonstrukteur tätig. Eine weitere große Gruppe war Tesla – Kolín, Blansko und weitere. In der Slowakei war das Armaturenwerk Myjava mit 80 Maschinen von Engel das Flaggschiff. Außerdem waren dort Unternehmen wie Chirana, Elektrosvit Nové Zámky, Sezka Dolný Kubín, Plastika Nitra und Chemické závody in Žilina tätig.
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| Seminarteilnehmer |
Miroslav Maňas (MM): Für die Tschechische Republik würde ich noch Autopal erwähnen, das Scheinwerfer herstellte. Dank dieses Unternehmens ist die Tschechische Republik heute weltweit führend in der Herstellung von Fahrzeugleuchten.
Trotz der Probleme wurde in dieser Zeit unglaublich viel geleistet. Trotz der Einschränkungen, des Mangels an geeigneten Materialien und an Technologie gelang es der Industrie dank des Geschicks der Menschen mehr oder weniger, Produkte herzustellen, die mit denen aus dem Westen vergleichbar waren.
JN: Aber ohne ausländische, sprich westliche Maschinen ließen sich bestimmte Dinge auf den CS-Maschinen einfach nicht herstellen. Ausländische Unternehmen durften hier allerdings keine direkte Vertretung haben, daher erfolgten die Importe über das politisch neutrale Österreich, etwa Maschinen von Battenfeld oder Maschinen von Engel,.
Wir waren und sind gut
JN: Wir konnten auch hochwertige technische Produkte aus PC herstellen, mussten aber wegen der begrenzten Devisenmittel häufig Polymere geringerer Qualität einsetzen, die wir in den Forschungsinstituten mit Füllstoffen verbesserten. Bei zahlreichen Produkten gelang es den tschechischen Fachleuten, zu „dem Westen“ aufzuschließen, und in manchem übertrafen wir ihn sogar. Beispielsweise konstruierte man bei Elektropraga Hlinsko Staubsaugermotoren unter Verwendung von PC. Beide Flansche bestanden vollständig aus Kunststoff, der gesamte Motor war mit Ausnahme der elektrischen Teile aus Kunststoff, einschließlich des Lüfterrads. Wir nahmen an einer Schulung von General Electric teil, bei der ein Experte des Unternehmens ein Lüfterrad aus Polycarbonat (PC) für einen ähnlichen, jedoch aus Metall gefertigten Motor vorstellte. Kollege Kebrle holte unseren Vollkunststoffmotor aus seiner Tasche, und der amerikanische Techniker erstarrte. Damit hatte er nicht gerechnet.
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| Anmeldeformular für das Seminar |
Oder in der Gruppe Koh-i-noor wurden Schlittschuhe für Eishockeyspieler hergestellt. In Kanada begann man, mit Kunststoff umspritzte Schlittschuhkufen herzustellen. Wir begannen ebenfalls damit zu experimentieren, und die Tschechoslowakei war das zweite Land der Welt, das Kunststoffschlittschuhe herstellte und auf den Weltmarkt brachte.
Ein begrenzender Faktor waren der Werkzeugbau und die Dauer des Formenbaus, die ein Jahr und länger betrug. Unsere Werkzeugbaubetriebe verfügten nicht über die entsprechenden Fertigungstechnologien und ein Normalien-System wie im Westen, wir stellten alles selbst her. Zudem standen keine Computer und keine Software für Konstruktion und Simulation zur Verfügung, was den Formenbau verlängerte.
Tschechisches und slowakisches Know-how
JN: Der Westen hat uns bei der Entwicklung unseres eigenen Know-hows nicht viel geholfen, er hatte vor allem wirtschaftliche Interessen. Die Informationen, die wir von dort erhielten, waren bruchstückhaft, die meisten Kenntnisse und Erfahrungen gewannen wir durch Versuch und Irrtum. Ein deutscher Kollege, der in den neunziger Jahren für ARBURG arbeitete, sagte, dass man in Deutschland auf so alten Maschinen solche Dinge überhaupt nicht hätte herstellen können. Wir waren und sind nach wie vor geschickte Kunststoffverarbeiter.
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| Vier Ausgaben der Bulletins von ÚOS Uniplast |
MM: Wir konnten improvisieren und zusammenarbeiten, Informationen bekamen wir nicht einfach umsonst. Leider ist vieles bis heute nicht erhalten geblieben, vor allem die Zusammenarbeit. Heute teilen Unternehmen ungern ihr Wissen, es ist normal, dass sie Informationen nicht kostenlos weitergeben wollen.
Die heutige Generation hat andere Stärken, beherrscht digitale Technologien und kann schnell mit Informationen umgehen, doch oft fehlt ihr die Geduld. An der Hochschule (UTB Zlín, Technologische Fakultät) sage ich, dass jeder, der auch nur ein wenig will, diesen Studiengang schaffen muss. Und nach dem ersten Studienjahr bleiben nur etwa 30 %. Das bedeutet, dass sie keine Geduld haben oder leider keinen Spaß daran finden.
Im Bildungsbereich besteht großer Nachholbedarf, die Kunststoff- und Kautschuktechnik wird heute im Wesentlichen von Bratislava getragen. Nicht einmal in Zlín, das seit jeher auf die Kautschukindustrie ausgerichtet war, ist eine eigenständige Fakultät für Kunststofftechnik entstanden, die an der Schnittstelle zwischen Kunststofftechnik und Maschinenbau angesiedelt wäre. Maschinenbau gibt es genug. In der Kunststoffindustrie und den nachgelagerten Branchen arbeiten Hunderttausende Menschen, und wenn sich das weiterentwickeln soll, muss es auch die entsprechende Infrastruktur geben. Damit unsere Gesellschaft wächst, muss die Bevölkerung über eine entsprechende Bildung verfügen.
So viel zu den Erzählungen zweier Zeitzeugen. Mehr über die Geschichte von Uniplast in Zahlen erfahren wir in seiner Chronik:
- Uniplast wurde im Herbst 1964 mit 20 Mitgliedern gegründet, der erste Vorsitzende war Vladimír Fiala. Bereits im darauffolgenden Jahr fand das erste Treffen der Kunststofffachleute statt;
- systematisch nahm Uniplast seine Tätigkeit erst 1972 auf, als der erste Kurs „Kunststoffe und ihre Verarbeitung“ durchgeführt wurde;
- die allererste landesweite Kunststoffkonferenz wurde 1973 unter dem Titel „Kunststoffe in technischen Anwendungen“ veranstaltet;
- die Mitglieder von Uniplast waren auch Teil der Neuererbewegung, bis zur Revolution verzeichnete Uniplast 160 Verbesserungsvorschläge und Erfindungen mit Einsparungen von 14 Mio. tschechoslowakischen Kronen, und zwar vor allem durch die Einsparung importierter (westlicher) Materialien.
- von damals bis zum Beginn des neuen Jahrtausends wurden 23 Konferenzen veranstaltet, an denen regelmäßig Hunderte Kunststofffachleute teilnahmen.
Die Themen der Konferenzen wechselten in einem dreijährigen Turnus – Maschinen, Werkzeuge und Kunststoffe. Die Vorträge erschienen anschließend in Form von Tagungsbänden oder Artikeln in der Zeitschrift Plasty a kaučuk. Neben den Konferenzen wurden jedes Jahr 4-6 Seminare durchgeführt.
Schon vor dreißig Jahren wurden beispielsweise Themen wie Rationalisierung und Effizienz der Kunststoffverarbeitung, die Degradation von Kunststoffen sowie die Verarbeitung recycelter Kunststoffe im Mehrkomponenten- oder Sandwich-Spritzgießverfahren behandelt. Also Themen, die auch heute noch aktuell sind.
Bis 1990 hatte Uniplast ca. 270 Mitglieder, danach änderte sich die Ausrichtung, die Industrie begann sich zu wandeln, und Informationen flossen auch über andere Kanäle. Dennoch wurden die Konferenzen und Seminare unter der Leitung von Uniplast fortgesetzt, waren nun jedoch stärker kommerziell ausgerichtet.
Ende des zweiten Teils des Interviews.
Den ersten Teil des Interviews mit Jaroslav Novák und Dozent Miloslav Maňas finden Sie hier.
Den dritten Teil des Interviews mit Zdeněk Řehulka finden Sie hier.
Den vierten Teil des Interviews über das Unternehmen ARBURG finden Sie hier.
Den fünften Teil des Interviews mit Jiří Gabriel finden Sie hier.
Den sechsten Teil des Interviews mit Ondřej Kebrl finden Sie hier.
Den letzten, siebten Teil des Interviews mit Lubomír Zeman finden Sie hier.
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