Der Erfolg eines Unternehmens hängt von einer schnellen Reaktion ab – Interview mit dem Geschäftsführer von Geis CZ
Wie konnte die Logistikbranche all die unerwarteten Probleme bewältigen? Dazu befragten wir Daniel Knaisl, Geschäftsführer von Geis CZ.
Die noch immer andauernde turbulente Zeit wird als Krise bezeichnet. Doch jede Krise schafft neben vielen Problemen zugleich auch neue Chancen. Wie beurteilen Sie rückblickend die letzten zwei Jahre aus Sicht von Geis?
Jede plötzliche Veränderung, auf die schnell reagiert werden muss, birgt sowohl Risiken als auch Chancen. Wer schnell reagieren und sich an die neue Situation anpassen kann, hat eine Chance auf Erfolg. Auch wir mussten sehr schnell reagieren, zahlreiche neue Maßnahmen einführen und plötzliche Veränderungen bewältigen, wie etwa die Schließung der stationären Geschäfte vieler unserer Kunden auf der einen und den E-Commerce-Boom auf der anderen Seite. Diese Erfahrung hat uns auf jeden Fall gestärkt. Dass wir sie gut gemeistert haben, belegen auch unsere guten Ergebnisse der vergangenen zwei Jahre.
Die Logistik stand in letzter Zeit vor vielen neuen Problemen, die unkonventionelle Lösungen erforderten. In welchem Bereich waren Sie Ihrer Meinung nach besonders erfolgreich?
Erfolgreich waren wir auf jeden Fall bei der schnellen Reaktion auf die entstandene Situation – von der Sicherstellung der Versorgung von Gebieten und Städten, die vollständig von der Außenwelt abgeriegelt waren, über die schnelle Bereitstellung zusätzlicher Kapazitäten in unseren Lagerlogistikprojekten für den E-Commerce, wo die Zahl der Bestellungen regelrecht explodierte, bis hin zur Bewältigung der äußerst schwierigen Situation in der Seefracht.
Die staatlichen Maßnahmen zur Unterstützung der infolge der Krise stagnierenden Branchen haben nicht nur bei uns, sondern praktisch in ganz Europa den Arbeitsmarkt gewissermaßen eingefroren. Dabei ist die Logistik stark von saisonalen Schwankungen geprägt und in hohem Maße darauf angewiesen, häufig kurzfristig Personal für kurz- und mittelfristige Beschäftigungen einzustellen. Wie haben Sie das bewältigt, und wie gelingt Ihnen das heute?
Die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist seit Langem trostlos und hat sich während der Pandemie noch verschlechtert. Neben erhöhten Krankenständen, Quarantänen und Freistellungen zur Pflege von Angehörigen haben auch viele ausländische Arbeitskräfte Tschechien verlassen und sind nicht mehr zurückgekehrt. Die seit Langem bestehende Situation, dass es in Tschechien wesentlich mehr offene Stellen als Arbeitslose gibt, hat sich dadurch nur noch verschärft. Insbesondere für die Lagerlogistik im E-Commerce haben wir auf dem Höhepunkt der Pandemie eine größere Zahl von Beschäftigten aus der Gastronomie und der Tourismusbranche eingestellt und eingearbeitet. Beim Kommissionieren von Waren legt man zu Fuß einige Strecken zurück, was beispielsweise ehemaligen Kellnerinnen überhaupt nichts ausmachte, da sie das viele Laufen gewohnt sind. Viele unserer Stellen erfordern jedoch eine bestimmte Qualifikation, beispielsweise einen Lkw-Führerschein, und diese lässt sich nicht innerhalb kurzer Zeit erwerben. Arbeitskräfte aus anderen Branchen konnten daher nicht überall dort aushelfen, wo es nötig gewesen wäre.
Die Logistik ist in letzter Zeit mit steigenden Preisen für Kraftstoffe und Verpackungsmaterialien konfrontiert, bei denen häufig auch kritische Engpässe bestehen. Es ist logisch, dass dies auch im Transport zu steigenden Preisen führt und weiterhin führen wird. Lässt sich abschätzen, in welcher Größenordnung diese in nächster Zeit steigen könnten und worauf sich die Kunden einstellen sollten?
Kraftstoffe oder Verpackungsmaterialien sind nicht die einzigen Posten, deren Preise dramatisch gestiegen sind. Auch die Mieten für Lagerhallen sowie die Preise für Baustoffe und Bauleistungen sind gestiegen, sämtliche Energieträger haben sich verteuert, die Preise für Umschlag- und Transporttechnik sind gestiegen und so weiter. Die Inflation treibt natürlich Kosten und Preise nach oben, wodurch auch der Druck auf die Lohnkosten zunimmt. Auf all das mussten wir selbstverständlich reagieren und haben unsere Preise zum Jahresende angepasst. Leider bin ich überzeugt, dass auch in diesem Jahr aufgrund der weiter steigenden Kosten eine Preisanpassung notwendig sein wird.
Die wiederholten Geschäftsschließungen führten zu einem starken Wachstum des Onlinehandels. Wie hat sich das auf Ihre Tätigkeit ausgewirkt?
Beim ersten Lockdown war die Schließung der stationären Geschäfte für uns und unsere Kunden eine völlig neue Erfahrung. Viele Sendungen waren bereits unterwegs, doch die Geschäfte waren geschlossen oder hatten keine Kapazitäten für die Annahme weiterer Waren, da sie die zuvor gelieferten nicht verkaufen konnten. Wir mussten sehr schnell mit Lieferanten und Abnehmern in Kontakt treten und gemeinsam nach Lösungen suchen, damit der Schwarze Peter nicht bei uns blieb und wir unsere Cross-Docking-Lager nicht mit unzustellbaren Waren überfüllten, während bereits große Warenmengen für den E-Commerce auf uns zukamen. Da wir neben unserem eigenen Transportsystem auch Lagerlogistik, Komplettladungstransporte und weitere Produkte anbieten, konnten wir vielen Kunden durch eine geeignete Kombination von Dienstleistungen bei der Bewältigung der Situation helfen, ohne dass die Waren aufwendig beispielsweise in ein ausländisches Lager zurückgeschickt werden mussten. Unzustellbare Waren konnten wir so in einigen Fällen in unseren für die Lagerlogistik vorgesehenen Räumlichkeiten unterbringen. Beim nächsten Lockdown lief bereits alles nach bewährten Abläufen, und wir verzeichneten keine schwerwiegenden Probleme.
Viele Hersteller beklagen gestörte Beziehungen zu ihren Zulieferern. Große Warenmengen werden nicht zu den bestellten Terminen geliefert – sei es, weil der Auftraggeber sie nicht in der ursprünglich vorgesehenen Menge oder zum ursprünglich vorgesehenen Termin benötigt, oder weil der Lieferant aufgrund von Problemen seiner Zulieferer die ursprünglichen Termine nicht einhalten kann. Das bringt die Transportunternehmen in eine sehr schwierige Lage. Betrifft das auch Geis? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?
Die globale Liefer- und Logistikkette ist schlicht auseinandergebrochen. In den vergangenen Jahrzehnten haben Logistiker auf der ganzen Welt an einer Vernetzung gearbeitet, die idealerweise nach dem Just-in-time-Prinzip funktioniert, und das Ganze ist wie ein Kartenhaus zusammengebrochen. Es begann mit der Schließung einzelner Fabriken vor allem in Asien, setzte sich mit der Verstopfung wichtiger Häfen und Transportwege fort und gipfelte in einem Mangel an Kapazitäten. Wer hätte je gedacht, dass verzweifelte Unternehmen erhebliche Beträge für Lkw-Transporte aus China bezahlen würden, nur um Waren zu haben beziehungsweise ihre vertraglichen Verpflichtungen erfüllen zu können. Es fehlen Komponenten, es fehlen bestimmte Warenarten, auf Termine und Preise ist kein Verlass und so weiter. Wer in letzter Zeit ein Auto bestellt hat, weiß ein Lied davon zu singen. Er kann sich weder auf den Liefertermin verlassen noch darauf, dass das Auto mit der bestellten Ausstattung ankommt. Viele Unternehmen hatten vor Weihnachten nicht genügend Waren für das Weihnachtsgeschäft. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es derzeit wirklich ein kleines Wunder ist, beispielsweise Schneestiefel zu kaufen. Selbst die Leiterin des Geschäfts, in dem wir schließlich fündig wurden, wartete auf die wenigen eingetroffenen Paare, um welche für ihr Kind zu haben. Das erinnerte mich an die Zeit vor 1989. Auch deshalb erwägen immer mehr Unternehmen, wieder lokale Lager aufzubauen, in denen sie zumindest Mindestbestände vorhalten würden, um sich nicht mehr allein auf den rechtzeitigen Transport aus Asien verlassen zu müssen. Das betrifft auch die Produktion bestimmter Komponenten wie Chips, die in Europa, aber auch in Amerika in den vergangenen Jahren kaum noch hergestellt wurden, sodass wir ausschließlich von Importen aus Asien abhängig waren.
Ein wesentlicher Teil der Waren gelangt derzeit aus China zu den Kunden in Europa. Der Transport aus China steht in letzter Zeit jedoch vor vielen Problemen. Wie gelingt es Ihnen, diese zu bewältigen, und welche spezifischen Lösungen können Sie Ihren Kunden anbieten?
Der Transport aus China beziehungsweise aus Asien ist in letzter Zeit ein Albtraum. Die Transportpreise sind explodiert, und nichts ist sicher, weder Kapazitäten noch Termine. Unternehmen buchen in ihrer Not teure Charterflüge, um die Waren nach Europa zu bringen. Der Boom der Lkw-Transporte aus China ist ein weiterer Beleg dafür, dass etwas nicht stimmt.
Seitens der Europäischen Kommission, einflussreicher Nichtregierungsorganisationen, aber auch vieler Unternehmen, die sich ein „grünes“ Image aufbauen wollen, wächst der Druck, die Umweltauswirkungen des Verkehrs zu verringern. Das ist technisch nicht immer einfach oder überhaupt realisierbar und birgt in jedem Fall die Gefahr weiterer Preissteigerungen. Wie steht Geis zu dieser Entwicklung?
Nachhaltigkeit und das Bestreben, die negativen Auswirkungen unserer Aktivitäten auf die Umwelt zu minimieren, gehören zu unseren Prioritäten. Die Geis-Gruppe hat ihre eigene Nachhaltigkeitspolitik, und wir unternehmen viele Schritte, um zum Klimaschutz beizutragen. Unser Unternehmen hat ein Energieaudit durchlaufen, wir messen und bewerten online praktisch den gesamten Energieverbrauch an unseren Standorten und deren CO₂-Fußabdruck. Jedes Jahr investieren wir in die Erneuerung unseres Fuhrparks, damit er die neuesten und strengsten Umweltnormen erfüllt. Andererseits sind wir aber Realisten und wollen nicht allein für ein ansprechendes Marketing Luftschlösser bauen. Wir testen zwar Fahrzeuge mit Elektroantrieb, sind uns aber zugleich bei Palettentransporten der derzeit sehr klaren technischen Grenzen ihres Einsatzes bewusst. Ein kleiner Transporter, der leichte Umschläge oder Pakete in der Stadt zustellt, ist etwas anderes als ein Fahrzeug, das mehrere Tonnen palettierter Fracht über Entfernungen von bis zu Hunderten Kilometern befördern soll. Vorerst glaube ich eher an die Zukunft von Wasserstoff. Bei Palettentransporten glaube ich auch nicht recht an die Zustellung von Paletten mit Lastenrädern. Bei Paketdiensten ist das in Innenstädten vorstellbar und bei kleinen, leichten Sendungen auch machbar und effizient, bei Paletten sehe ich das jedoch nicht so.
Was würde aus Ihrer Sicht am meisten zur Lösung der derzeitigen Probleme im Transportwesen beitragen?
Es gibt derzeit so viele Probleme, dass es keine einfache Lösung beziehungsweise Antwort gibt.
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