Konferenz NEWMATEC 2023: Die Transformation der Automobilindustrie ist eine anspruchsvolle Herausforderung, doch die Unternehmen können sie meistern
Die diesjährige, bereits siebte Ausgabe der Veranstaltung, die jährlich vom Verband der Automobilindustrie der Slowakischen Republik (ZAP) organisiert wird, fand am 25. - 26. April 2023 im Hotel Partizán in Tále statt und zog mehr als 200 Teilnehmer an.
„Wir haben uns verpflichtet, bis 2050 in der EU Klimaneutralität zu erreichen. Und darauf sollten wir uns konzentrieren“, erklärte Alexander Matušek, Präsident des ZAP, gleich zu Beginn der Konferenz NEWMATIC. Wie die anderen Referenten und Diskussionsteilnehmer stellte auch er die Ziele des Green Deal und von Fit for 55 nicht infrage und hielt es für mehr als wahrscheinlich, dass Verbrennungsmotoren in der EU im Jahr 2035 aus dem Angebot der Hersteller verschwinden werden.
In diesem Zusammenhang stellten sich die Referenten während der zweitägigen Veranstaltung mehrfach die Frage, warum man Zeit und Geld in etwas wie Euro 7 investieren sollte, das allenfalls eine marginale Verbesserung für die Umwelt bringen kann. Die von der Europäischen Kommission vorgeschlagene Norm Euro 7 soll die Emissionen von Stickoxiden und Feinstaub in die Atmosphäre weiter begrenzen. Obwohl bei der Norm noch vieles unklar ist, soll sie bereits 2025 in Kraft treten.
Euro 7 war auch das Hauptthema des Vortrags des Europaabgeordneten Alexandr Vondra. Er gab ihm den provokanten Titel „Wird die europäische Automobilindustrie das Jahr 2025 überleben?“. Seine eigene Antwort lautete ja, doch ihrer Wettbewerbsfähigkeit drohe seiner Ansicht nach Gefahr. Euro 7 sieht er als ernsthafte Komplikation: „Sollte die Norm in dieser Form verabschiedet werden, wird sie die Automobilhersteller zwingen, weiterhin in Innovationen bei Verbrennungsmotoren zu investieren, und Innovationen in der Elektromobilität bremsen - oder noch schlimmer: Die Automobilhersteller werden die Produktion günstigerer Verbrenner vollständig einstellen, und ein bestimmter Teil der Bevölkerung wird sich kein neues Fahrzeug mehr leisten können.“ Laut Alexandr Vondra ist es nicht mehr realistisch, die Verabschiedung von Euro 7 zu verhindern, doch es könnte gelingen, die Norm abzumildern.
Eine ähnliche Meinung zur Norm Euro 7 vertritt auch Robert Kiml, Manager von Toyota Motor Manufacturing in der Tschechischen Republik und Vizepräsident des Verbands der Automobilindustrie der Tschechischen Republik, der unter anderem auch sagte: „Gemeinsam müssen wir eine Plattform suchen, um die europäische Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, damit wir gegenüber der chinesischen und amerikanischen Industrie nicht im Nachteil sind.“
Laut dem ehemaligen Finanzminister Ivan Mikloš nimmt die Unsicherheit in der Wirtschaft insgesamt zu.
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Ivan Mikloš, ehemaliger Finanzminister der Slowakischen Republik / Ehemaliger Finanzminister der Slowakischen Republik |
Alarmierend für Europa ist zudem, dass der Anteil Chinas an der Weltwirtschaft wächst und der Anteil der USA gleich bleibt, während der europäische Anteil an der Weltwirtschaft sinkt. Das Problem sei umso gravierender, als sich die Amerikaner nicht mehr für Europa interessierten, ergänzte der stellvertretende Finanzminister der Slowakischen Republik Marek Mora. Seiner Ansicht nach war Europa erschrocken, als es sah, dass die USA Industriepolitik betreiben (IRA – Gesetz zur Senkung der Inflation) und sich von der Globalisierung abwenden. Doch auch die EU hat Finanzpakete zur Unterstützung der Wirtschaft vorbereitet; entscheidend ist, wie diese eingesetzt werden. Die Industrie sollte sich laut Marek Mora jedoch nicht auf Unterstützung verlassen, die Hauptrolle sollte der Markt spielen.
Oliver Grünberg, Vorstandsvorsitzender von Volkswagen Slovakia, sprach in seiner Präsentation über gute und schlechte Regulierungen, wobei seiner Ansicht nach beispielsweise der Green Deal zur ersten Gruppe und Euro 7 zur zweiten gehört. Er erwähnte auch den amerikanischen IRA, der seit Januar dieses Jahres gilt und den auch Volkswagen nutzen wird - in Nordamerika wird das Unternehmen eine seiner Fabriken für Elektroautobatterien errichten. Der Automobilhersteller will in absehbarer Zeit auch auf dem alten Kontinent mehrere solcher Fabriken bauen, eine davon soll in Mittel- oder Osteuropa entstehen. Oliver Grünberg bestätigte, dass dieses Vorhaben weiterhin besteht und die Slowakei im Wettbewerb mit anderen Ländern gute Chancen hat.
Dass der Verkehr zu den größten Verursachern des Klimawandels gehört, rief Heiko Seitz, globaler Leiter für E-Mobilität der deutschen Niederlassung von PwC, zu Beginn seiner Präsentation zum Thema Emissionen in Erinnerung. Er widmete sich dem Vergleich der einzelnen Arten emissionsfreier Antriebe. Nach den Erkenntnissen von PwC liegt die Elektromobilität klar vorn. Trotz geopolitischer Risiken erwartet Heiko Seitz, dass die Transformation der Automobilindustrie rasch voranschreiten und batterieelektrische Fahrzeuge bis 2035 einen bedeutenden Marktanteil gewinnen werden.
Wie die E-Mobilität die Automobilindustrie verändert, zeigte der Vorstandsvorsitzende von ZF Slovakia, Dietmar Weigt, am Beispiel seines Unternehmens. Das Unternehmen begegnet den neuen Herausforderungen mit der Strategie „Mobilität der nächsten Generation“ und erweitert sein Produktionsportfolio beispielsweise um elektrifizierte Getriebe. ZF ist in der Slowakei an sechs Standorten vertreten, das größte Werk befindet sich in Trnava. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen in der Slowakei rund 4000 Mitarbeiter.
Auf großes Interesse stieß der Vortrag von Michaela Hletková Ploszeková, Mitglied der Kommission für Umweltgesetzgebung des ZAP SR, mit dem Titel „Green Deal und Fit for 55: Neue Umweltanforderungen - geplante und verabschiedete Dokumente mit Auswirkungen auf die Automobilindustrie“. Sie wies insbesondere auf kritische Dokumente hin, die für die Automobilindustrie gelten oder bald gelten werden. Dabei geht es nicht nur um Herausforderungen, die sich unmittelbar aus Fit for 55 ergeben, sondern auch um Anforderungen in den Bereichen gesellschaftliche Verantwortung, Unternehmensführung und ökologische Nachhaltigkeit (ESG) sowie die damit verbundene Berichterstattung. Ihrer Ansicht nach sollten Unternehmen auch der geplanten Überarbeitung der Industrieemissionsrichtlinie sowie der REACH-Verordnung zur Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe Aufmerksamkeit schenken. An interessanten Beispielen zeigte sie, wie schwierig es beispielsweise ist, den Anforderungen an den Einsatz von Recyclingmaterial gerecht zu werden, wenn nachgewiesen werden muss, dass es sämtliche Kriterien anderer Normen und Vorschriften erfüllt. Bestimmte, mitunter auch strenge Anforderungen in diesen Bereichen werden auch in außereuropäischen Ländern gestellt, doch die EU ist laut Michaela Hletková Ploszeková „einzigartig in der Komplexität und der Geschwindigkeit, mit der sie all dies einführen will, was sich auf die Wettbewerbsfähigkeit auswirken kann“.
Der zweite Konferenztag war stärker auf Praxisbeispiele ausgerichtet. Auf der Bühne stand beispielsweise Jesse Paegle, Leiter für Stahllösungen in der Automobilindustrie bei ArcelorMittal, der ein Projekt zur effizienteren Materialnutzung durch das System Multi Parts Integration vorstellte. Dabei werden zahlreiche Teile in einem einzigen lasergeschweißten Bauteil integriert, wodurch sich eine Reduzierung von CO2 erreichen lässt.
Der nächste Teil des Programms war den Projektpräsentationen der Gewinner des Preises des ZAP SR für die Digitalisierung in einem Automobilunternehmen gewidmet. Die Fachjury wählte die Digitalisierung des Produktionswerks von Continental Automotive Systems Slovakia in Zvolen zum besten Projekt; den Preis des Fachpublikums erhielt HELLA Slovakia Lighting für ein Projekt zur Steuerung des Vorfertigungsprozesses sowie zur Nutzung von Daten und Monitoring.
Parallel zu den Vorträgen fanden auch mehrere Workshops statt. Teil der Konferenz war zudem ein informelles Programm, das Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und zum Knüpfen neuer Kontakte bot.
NEWMATEC ist die bedeutendste slowakische Konferenz mit internationaler Beteiligung im Bereich der Automobilindustrie. Sie zieht jährlich mehr als zweihundert Teilnehmer an, vor allem Vertreter von Unternehmen der Automobilbranche und Experten für die Automobilindustrie.
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